Oktober 2006
Gewalt am Arbeitsplatz: Gedemütigt und angemacht
„Kühlen Kopf bewahren und Konsequenzen ziehen“
Eberhard Fehlau ist Psychologe und Soziologe und beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie man Konflikte am Arbeitsplatz vermeiden und lösen kann. next hat mit ihm gesprochen.
Welche Handhabe hat ein Auszubildender, sich gegen Gewalt im Betrieb zu wehren?
Zunächst sollte er einen kühlen Kopf bewahren und gute Miene zum bösen Spiel machen. Die Blondine, die sich ständig Blondinenwitze anhören muss, könnte selbst einen erzählen, nach dem Motto, Ich kenne einen besseren' so nimmt man den Leuten oft schon den Wind aus den Segeln. Hören die Übergriffe aber nicht auf, sollte man sehr deutlich sagen, dass man sich verletzt fühlt, und die anderen auffordern, das sein zu lassen. Andernfalls würde man sich an dritter Stelle beschweren. Und das muss man dann auch konsequent tun.
Welche Stellen im Betrieb kommen da in Frage?
Zunächst natürlich der Vorgesetzte und der Ausbilder. Sind die selbst an den Handlungen beteiligt, bieten sich der Betriebsrat, die Jugendvertretung und in größeren Unternehmen auch die Mobbingbeauftragten an. In kleinen Handwerksbetrieben hat die Frau vom Chef oft ein offenes Ohr für die Sorgen der Azubis und kann als Bindeglied vermitteln. Natürlich können auch die Eltern, andere Azubis oder Berufsschullehrer schlichtend eingreifen. Bewährt haben sich auch Paten.
Was ist das?
Paten sind ältere, bewährte Mitarbeiter, die nicht die Dienstvorgesetzten der Auszubildenden sind. Sie fungieren quasi als „Reiseführer durch den Betrieb“, machen mit der Unternehmenskultur vertraut, sind elterlicher Freund. Ein Patensystem ist ein großartiges Mittel der Gewaltprävention in Betrieben.
Wie sollen die reagieren, die nicht direkt betroffen sind, aber mitkriegen, was mit einem Kollegen passiert?
Vor allem dem Opfer ihre Unterstützung an- . So nimmt man bieten und weitere Verbündete suchen. Wer es sich traut, sollte dazwischengehen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, den Chef anzusprechen, und zwar ganz verbindlich: „Ich erwarte von Ihnen, dass sie sich darum kümmern!“ nicht: „Man sollte da mal was unternehmen.“ Manchmal merkt ein Chef nämlich gar nicht, dass da jemand leidet.
Wenn alles nichts hilft …
... dann sollte sich ein Azubi ernsthaft überlegen, ob er in diesem Betrieb bleiben will. Es ist heutzutage ein unpopulärer Vorschlag, seine Ausbildung abzubrechen und eine neue Stelle zu suchen, ich weiß. Aber was ist gewonnen, wenn jemand bleibt, der fertig gemacht wird? Sein Selbstwert-gefühl wird immer kleiner. Wer beim Berufseinstieg schon so schlechte Erfahrungen sammelt, wird in seiner weiteren Karriere kaum ein selbstbewusster Mitarbeiter. Der geht ja schon eingeschüchtert in jedes Bewerbungsgespräch. Das Problem ist leider, dass bei der gegenwärtigen Wirtschaftslage die Menschen glauben, alles mit sich machen lassen zu müssen.




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